Blick ins Jeti-Oguz-Tal
Kirgistan,  Trekking

11 Tage Trekking in Kirgistan – Terskej-Alatau-Traverse

Kirgistan?

Kirgistan ist schön, exotisch, wild, urtümlich, warm und bergig – eine perfekte Mischung. Außerdem braucht man als EU-Bürger für einen bis zu 30-tägigen Aufenthalt kein Visum. Viele gute Gründe für einen Kirgistan-Urlaub 😉

Michi und ich waren im Sommer 2018 vier Wochen dort und haben unter anderem einen 11-tägigen Trek auf der Terskej-Alatau-Traverse gemacht.


Inhalt

  1. Was ist die Terskej-Alatau-Traverse?
  2. Etappen-Übersicht, Menschen & Landschaft
  3. Unser Reisebericht mit Streckenbeschreibungen
  4. Fazit
  5. Tipps fürs Reisen und Trekken in Kirgistan

1. Was ist diese Terskej-Alatau-Traverse?

Zugegeben, der Name ist so dermaßen umständlich, den will man gar nicht richtig aussprechen. Bei dieser Traverse handelt es sich um eine 11-tägige Trekkingtour durch den Terskej Alatau, einer Region im Hochgebirge Tian Shan. Der Tian Shan ist ein sich von Ost nach West erstreckendes Hochgebirge, mit Gipfeln über 7.000 m. Begrenzt wird es im Osten von der Wüste Gobi, im Süden schließt sich der Himalaya an. Es liegt in Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und China.

Der Terskej Alatau hingegeben beherbergt „nur“ Berge bis etwas über 5.000m und wird im Norden vom zweitgrößten Gebirgsee der Welt begrenzt, dem Yssykköl oder Issyk-Kul. Er ist relativ leicht zugänglich, hat gut zu begehende Pässe und eignet sich daher hervorragend für Trekkingtouren für Normalsterbliche. Durch die vielen zum See strebenden Täler kann man sich die Schwierigkeit und Länge seiner Tour individuell zusammenstellen. Die Traverse verläuft zwischen 2000 und 4000 Höhenmetern, man sollte sich also vor Start höhentechnisch akklimatisieren.


2. Etappen, Menschen und Landschaft

Etappen

Wir sind den klassischen Weg der Terskej Alatau Traverse gelaufen, so wie er im gleichnamigen Trekkingführer des Conrad Stein Verlags beschrieben wird. Nur die Etappen 7 und 8 haben wir anders aufgeteilt:

  • Tag 1 – Aufstieg durch das Chong-Kyzyl-Suu-Tal zu den heißen Quellen von Dschyluu Suu
    20,6 km, 570 hm bergauf
  • Tag 2 – Akklimatisierung im Chong-Kyzyl-Suu-Tal auf 2.800 m, Erkundung des Aschuu-Tor-Tals
    12,5 km, 650 hm bergauf
  • Tag 3 – Aufstieg durch das Karabatkak-Tal bis kurz vor den Archa-Tor-Pass
    14,5 km, 950 hm bergauf
  • Tag 4 – steiler Archa-Tor-Pass (3.930 m), zelten im Jeti-Oguz-Tal
    12,5 km, 380 hm bergauf
  • Tag 5 – Durch das wunderschöne Teleti Tal bis unter den Teleti Pass
    14,5 km, 750 hm bergauf
  • Tag 6 – Regentag: Teleti Pass ( 3.750 m) und Karakol-Tal
    8,7 km, 500 hm bergauf
  • Tag 7 – Durch das Kurgak-Tal zum traumhaften Gletschersee Ala-Kol (3.530m)
    8,5 km, 1020 hm bergauf
  • Tag 8 – Über den viel begangenen Ala-Kol-Pass (3.920m) zu den heißen Quellen in Altyn Araschan
    12,2 km, 400 hm bergauf
  • Tag 9 – Pausentag in Altyn Araschan (noch mehr warme Quellen)
  • Tag 10 – Durch das grüne Anyr-Tor-Tal zum roten Aschuu-Tor-Pass (3.650) und ins Ak-Suu-Tal
    11,7 km, 1080 hm bergauf
  • Tag 11 – 24 km Abstieg in das Dorf Ak Suu

Die Entfernungen erscheinen auf den ersten Blick recht wenig. Doch muss man beachten, dass man mit 11 Tagen Proviant startet und auch das Wasser auf weiten Strecken mitnehmen muss. So ist man die ersten Tage mit ca. 20-25 kg Gepäck unterwegs, was die Gesamtgehleistung natürlich um einiges mindert. Auch nicht zu verachten ist die Steilheit der Pfade, was zusätzlich Kraft kostet…

Menschen

Kirgisen trifft man meist zu Pferd

Insgesamt begegnet man wenigen Leuten – Ausnahme bilden die Etappen 7 und 8 über den Alaköl / Ala-Kol See und das „Dorf“ Altyn Araschan. Sie sind Teil eines beliebten 4-Tages-Trek, den fast jeder Kirgistan-Reisende erwandert. Man sollte sich bei diesen Etappen auf lange Schlangen von Reisegruppen einstellen, begleitet von jungen Trägern mit riesigen 30+ kg Rucksäcken und schlechter Ausrüstung.

Ansonsten trifft man nur wenige Wanderer und einige einheimische Nomaden, die im Sommer in Jurten lebend ihre frei grasenden Pferde-, Rinder- und Schafherden hüten.

Landschaft

Die Landschaft ist ursprünglich, wild, imposant – grüne, graue und weiße Berge erheben sich aus weiten, schönen Tälern, die von mächtigen grauen Gletscherflüssen durchzogen sind. Fast jeden Tag wandert man über einen Pass von einem Tal ins nächste, erlebt spannende neue Ausblicke, Gesteinsformationen und Berggipfel. Überall begegnet man Pferden und Kühen, die einen neugierig und argwöhnisch beim vorüberlaufen beäugen.

Die meisten Hochtäler sind Hängetäler: Das bedeutet, dass es vom Haupttal erst mal steil nach oben ins Hochtal geht, dieses verläuft dann nahezu eben bis zu einem steilen Passanstieg.

Wir sind in Bishkek einigen Franzosen begegnet, die die Berge etwas enttäuscht mit den (ihnen bekannten) französischen Alpen verglichen haben. Und ja, der Tian Shan ist ganz eindeutig ein Gebirge in einer ähnlichen Vegetationslage wie „unsere“ Alpen und hat dadurch gewisse Ähnlichkeiten. Doch es unterscheiden sich die Steine, die Pflanzen, die Bäume und die Form der Berge und Täler. Ganz zu schweigen von der faszinierenden Nomaden-Reiter-Kultur und der quasi nicht vorhandenen Infrastruktur in Form von Straßen, Berghütten oder Bergliften.

Tiere

In den Bergen nahe des Issyk Köl Sees leben viele Hirten, die im Sommer ihre Kuh-, Pferde und Schafherden in den Tälern frei weiden lassen. Es vergeht dadurch kein Tag ohne Kuh- oder Pferdebegegnung.

Wirklich wilde Tiere wie auf dem Plakat oben haben wir leider (oder zum Glück 😉 ) nicht gesehen. Ich denke die großen Raubtiere leben eh nicht in der Nähe der Viehherden, dafür werden die Nomaden sicher sorgen…

Von der Wildtierfraktion haben wir allerdings einige süße Murmeltiere und (weit entfernt) Greifvögel gesehen. Und natürlich viele unbekannte Schmetterlings- und Insektenarten.


3. Unser Reisebericht


Tag 1 – Aufstieg in die Berge

Anfahrt von Kysyl Suu nach Dschyluu Suu und Wellness in den heißen Schwefelquellen – 16.08.18

Wir sind die komplette Strecke gefahren, aber für eure Planung:
Kilometer: ca. 20,6 km
Höhenmeter: 570 hm bergauf
Zeit. ca. 4:45 h

Die Trekkingtour beginnt im Ort Kyzyl Suu, am ersten Tag läuft man von hier aus das Chong-Kyzyl-Suu-Tal hinauf. Bis zum gleichnamigen Dorf verläuft der Weg auf der Straße, später dann auf einer löchrigen Schotterpiste. Die Landschaft wird schöner und man hat erste Ausblicke ins Tal auf die Berge. Schließlich erreicht man die heißen Quellen von Dschyluu Suu, bei denen sich ein entspannendes Bad durchaus lohnt.

Bei Dschyluu Suu wurden verschieden warme Becken zum Baden angelegt, außerdem gibt es ein großes Gästehaus, ein kleineres flaches Haus, einen offenen „Stadl“, eine Quelle für sauberes Wasser und zwei Plumpsklos. Kurz: Eine richtige kleine Wellnessoase 🙂

Wir starten unsere Tour weit weg vom Trail, im kleinen Badeörtchen Kaji Say am Salzsee Issyk Köl, wo wir für 3 Tage eine Ferienwohnung im „Health Resort Salima“ hatten. Schweren Herzens verabschieden wir uns von der super süßen Babykatze, die uns die Zeit dort versüßt hat, während ich hier meine Reisekrankheit etwas auskuriert habe. Unser Taxi ist von unseren netten Vermietern der Ferienwohnung bestellt. Immer wieder erinnert uns der Hausherr (er hat das Ganze als ehemaliger Arbeiter der Goldmine finanziert, seine Frau und Töchter verrichten nun die tägliche Arbeit) daran, dass die Straße nicht gut ist und der Fahrer nur soweit fahren wird, wie er es für richtig hält. Er spricht sehr gutes Englisch, da er eine Weile für seinen Job in Kanada gelebt hat.

Per Taxi zu den Schwefelquellen

Die Taxifahrt ist schön und spannend. Wir fahren durch das kleine Bergdörfchen Chong Kyzyl Suu, vermutlich sieht es hier so aus wie bei uns vor 100-200 Jahren. Wir überholen ein Pärchen mit Trekkingrucksäcken und sind beim Gedanken an unsere Monsterrucksäcke froh, hier mit dem Auto langfahren zu können. Die Landschaft ist etwas eintönig, ohne nennenswerte Ausblicke und immer am Feldweg entlang. Erst am Ende wird es landschaftlich wirklich sehr schön.

Die Straße bzw. der Feldweg wird immer schlechter, riesige Schlaglöcher und teilweise kleine Flüsse behindern die Weiterfahrt. Unser Taxifahrer meistert alles souverän und ohne mit der Wimper zu zucken mit seinem alten PKW, er erntet viel stille Bewunderung von uns. Vor den Toren des „Wellnesstempels“ der heißen Quellen von Dschyluu Suu lässt er uns raus. Es ist zwar erst Mittags, aber wir entschließen uns trotzdem spontan dazu, über Nacht hier zu bleiben: Meine abklingende Krankheit, die heißen Schwefelquellen und das schlichte aber gemütliche Zimmer in dem gelben Haus überzeugen uns sehr schnell.

Erkundung des Geländes

Wir erkunden noch etwas die Gegend, steigen an den Hängen auf und erhaschen schöne Blicke das Tal entlang. Besonders das Gelände des Hauses ist interessant, alles ist so anders als bei uns. Die Tiere laufen zwar frei, haben aber eine für uns ungewohnte (und mitleiterregende) „Anbindemethode“:

Die zusammengebundenen Füße sind hier ein beliebtes Mittel, um Pferde und Esel am weglaufen zu hindern. Sie können sich dann nur humpelnd vorwärts bewegen. ©Michi

Die „Toilette“ ist ein Plumpsklo hinter einem zweiten flacheren Haus, dazwischen gibt es noch eine überdachte „Versammlungsstätte“: ein aus Holzbalken gebauter „Stadl“ ohne Wände, mit Teppichen ausgelegt. Fließend Wasser gibt es nur aus einer kleinen Quelle, die inmitten des Geländes aus dem Boden sprudelt.

Es gibt drei Becken mit warmen Wasser, aber wir baden nur in dem äußeren, direkt neben dem schäumenden Gletscherfluss. Jeder Gast hat 30-60 min Zeit im Becken, es ist sehr heiß, länger hält man es eh kaum aus.

Nach unserer ausgiebigen Erkundungs- und Badetour fallen wir nach Schwefel riechend und trotdzem schön erfrischt in unsere sauberen Betten, voller Vorfreude auf den morgigen Wandertag.


Tag 2 – Akklimatisierung

Das obere Chong-Kyzyl-Suu-Tal und Aschuu-Tor – 17.08.18

Kilometer: ca. 12,5 km
Höhenmeter: ca. 650 hm bergauf, 250 hm bergab (teilweise ohne Gepäck)
Zeit: ca. 3 h 30 min

Die heutige Etappe führt weiter das schöne Chong Kyzyl Suu Tal hinauf, bis zum Zusammenfluss der Flüsse Aschuu-Tor und Kotor. Sie dient nur der Akklimatisierung, auf 2.850 m schlagen wir das Zelt auf. Ohne Gepäck erkunden wir noch das Hochtal des Aschuu-Tor.

Im Chong Kyzyl Suu Tal geht es meist am mächtigen Gletscherfluss entlang, im Hintergrund sieht man das Kotor-Gletschermassiv

Funfact: Hier haben die Täler, die Orte in den Tälern, die Flüsse und der höchste Berg beim Talende den selben Namen. Heute und Morgen werden wir also im, am und zum (Chong) Kyzyl Suu laufen.

Nach einem unerwarteten und leckerem kirgisischen Frühstück starten wir mit unseren schweren Rucksäcken das Tal hinauf. Das „externe Frühstück“ hat den Inhalt leider auch nicht erleichtert und so haben wir immer noch fast 11 Tagesrationen Essen dabei.

Trekkingstart im Tannenwald

Der Weg verläuft zunächst unter mächtigen Tien-Shan-Tannen, einer nur hier vorkommenden endemischen Art. Nach ca. 1,5 h erreichen wir eine alte Wetterstation und der Blick kann nun das Tal entlang schweifen. Ein Auto überholt uns. Mitten auf der Wiese. Es ist ein ganz alter, normaler PKW und fährt hier, als wäre es eine normale Straße. Wir begegnen dem Auto etwas später wieder, die Besitzer haben es sich bei einem Stein mit Liegestuhl und Sonnenschirm bequem gemacht. Kirgisischer Sommerurlaub 🙂 .

An der Abzweigung zum Archa-Tor-Pass halten wir uns rechts, wir wollen heute für eine bessere Gewöhnung an die Höhe hier im Tal übernachten. Außerdem soll das obere Chong-Kyzyl-Suu-Tal sehr schön sein, was wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollen… Kurz nach der Wetterstation erreichen wir einen Zaun aus Baumstämmen, durch den unser Weg hindurch führt. Es ist der einzige Zaun, den wir in den Bergen hier sehen.

Unsere erste Pferdeherde

Erste Begegnung mit den nomadischen Hirten

Wir passieren ein paar Hirtenjurten (Hunde bellen wie wild, aber sie sind zum Glück angeleint) und drei Jungs kommen auf uns zugelaufen. Sie lächeln uns schüchtern an und wirken etwas verlegen, bis Michi ein Foto von ihnen schießt: aufgeregt eilen sie herbei, um es sich anzusehen. Beim Anblick von sich selbst fangen sie an zu lachen und stupsen sich an, dann ziehen sie wieder von dannen. Leider waren unsere mitgebrachten Süßigkeiten tief in den Rucksäcken versteckt –  morgen beim Rückweg werden wir besser vorbereitet sein…

Kleine bergige Hindernisse

Wir folgen weiterhin dem Fluss auf der rechten Talseite, bis wir an eine Bergflanke gelangen, die im schäumenden Gletscherfluss endet: Es wird empfohlen, die Flanke möglichst hoch und möglichst weiträumig zu umgehen, und genau das tun wir. Anfangs finden wir noch einen sehr steilen, schmalen Reitpfad, der sich jedoch bald im Gestrüpp der dichten Tannen verliert. Immer wieder müssen wir neue Pfade finden, es geht sehr steil hinauf und später sehr steil wieder hinunter. Es regnet, alles ist nass und schlammig, während wir durch den dichten Wald irren.

Die bis zum Gletscherfluss reichende Bergflanke sollte nicht am Wasser umgangen werden, sondern möglichst hoch und weiträumig am Berg.

Als wir endlich auf der anderen Seite sind, geht es wieder gemütlich am Fluss entlang. Das Tal wird immer schöner, es wird steiler und höher. Der Fluss gabelt sich in mehrere Arme und findet seinen eigenen Weg durch das Tal, immer wieder treffen wir Kuh- oder Pferdeherden die hier entspannt grasen.

Das schöne Chong-Kyzyl-Suu-Tal, endlich ohne Regen

Nach ca. 4 h schlagen wir beim Zusammefluss von Aschuu-Tor und Kotor (denen der Chong-Kyzyl-Suu-Fluss entspringt) auf ca. 2.830 m unser Zelt auf. In der Nähe gibt es einen kleinen Bach, aus dem wir unser Trinkwasser holen können.

Es ist nicht zu empfehlen, die Gletscherflüsse für das Trinkwasser zu nutzen: sie enthalten sehr viele Sedimente und anderes Zeug aus den Gletschern. Wenn doch, sollte das Wasser unbedingt gefiltert werden.

Generell sollte man beim Trinkwasser darauf achten, dass Flussaufwärts keine Pferde- oder Kuhherden grasen. Bei Zweifeln oder Herden in der Nähe solltet ihr das Wasser zusätzlich mit Chlortabletten reinigen, denn mit Kuh-Fäkalien ist nicht zu spaßen.

Weiter gehts ohne Gepäck

Schon bald starten wir nur mit Michis neuem Regenschirm und meiner Regenjacke bewaffnet, um das Hochtal des Aschuu-Tor zu erkunden.

Beim Aufstieg rechts das Tal hoch hat man tolle Ausblicke auf die enge Schlucht, die der Fluss Kotor (linker Taleinschnitt, auch als Kashkator bezeichnet) in den Fels gegraben hat.

Der Aufstieg beträgt zwar nur 250m, ist aber sehr steil, schlammig und rutschig und dadurch auch recht anstrengend. Kurz bevor wir ankommen fängt es wieder leicht an zu regnen, was uns eine wirklich tolle Stimmung beschert.

Das Tal des Aschuu-Tor-Flusses ist wunderschön und beherbergt eine Pferdeherde
Beim Rückweg bekommen wir wunderbare Ausblicke bei Abendsonne auf das Tal und die Berge, einfach herrlich.
Unser erster Campground auf 2.850 m – Foto ist vom Nachmittag; ©Michi

Tag 3 – Nächtlicher Kuh-Terror

Aufstieg zum Archa-Tor-Pass – 18.08.2018

Kilometer: ca. 14,5 km
Höhenmeter: ca. 950 hm bergauf, 200 hm bergab
Zeit: ca. 4 h 45 min

Die heutige Etappe führt das Chong-Kyzyl-Suu Tal zurück, über eine Seilbahnbrücke und anschließend das Karabatkal-Tal hinauf bis kurz unterhalb des Archa-Tor-Passes. Dort unterm Pass lebt eine unglaublich neugierige Jungbullen-Herde, die fast unser Zelt auffrisst.

Eine beinah schlaflose Nacht unterhalb des schönen Archa-Tor-Passes – den Jungbullen sei Dank 😉

Wieder zurück durchs Tal

Wir starten bei bewölktem Himmel und laufen durch das schöne Tal zurück. Nur die zu überquerende Bergflanke ist auch heute etwas „abenteuerlich“, unmöglich, den gestrigen Weg wieder zu finden. Die Kinder von gestern treffen wir wieder und diesmal bekommen sie ihre Süßigkeitenration, worüber sie sich sehr freuen 😉 .

Das Tal weiß uns auch heute zu verzaubern; ©Michi

Zurück an der Seilbahn kommen vom gegenüberliegenden Ufer drei Jungs gelaufen, die voller Schwung und Freude mit dem klapprigen „Fahrstuhl“ zu uns rüber fahren. Ob wir mit ihnen mitfahren wollen? Klar, auf jeden Fall!

Als erstes werden unsere Rucksäcke von einem Jungen rüber gefahren, der arme muss alleine unsere schweren Säcke rausheben. Dann schubst er den Lift zurück übers Wasser – der schafft die Strecke allerdings nicht ganz und bleibt über dem Fluss hängen. Kein Problem für die zwei Jungs:

Geschickt holen die Jungs durch baumeln und hangeln den stecken gebliebenen Lift zum Ufer

Einladung in die Jurte

Dann darf jeder von uns einzeln mit den Jungs über den Fluss fahren. Wie cool ist das denn?! Es macht uns allen super viel Spaß. Wir zahlen den vereinbarten Preis und sie laden uns noch mit aufgeregtem Hände-Gefuchtel in ihre Jurte zu Tee und selbstgemachtem Joghurt mit Zucker und Marmelade ein. Die Jurte ist innen komplett mit Teppichen ausgelegt, in der Mitte steht ein niedriger runder Tisch mit Sitzkissen. Am Rand stehen verschiedene Töpfe, Bottiche und ein kleinerer Tisch. Leider können wir uns mit der Mutter und den 5 Kindern (2 Mädls gibt es auch noch) nicht verständigen. So lächeln wir uns an, kommunizieren mit den Händen und Füßen.

Die Kirgisen ziehen die Schuhe aus, bevor sie Häuser oder Jurten betreten. Man sollte also bei einer Einladung immer die Schuhe vorm Eingang ausziehen.

Zum Abschied schenken wir ihnen Essen, etwas Geld und einen Malstift mit weicher Kalligrafie-Pinselspitze, denn ein Junge hat in der Jurte am Tisch gezeichnet. Von unseren Geflügelsalami-Sticks (Kirgistan ist teilweise muslimisch) sind sie total begeistert, es wirkt, als hätten sie das noch nie gegessen. Auch die Gummibärchen kommen ziemlich gut an, an der Ahoi-Brause wird erst mal geschnuppert: Das kennen sie anscheinend auch nicht.

Wir wandern links des Flusses weiter, das Wetter verschlechtert sich allerdings zunehmend. Während wir weiter im Tal aufsteigen, verwehrt uns eine Wolkenwand die Aussicht auf die eigentlich imposante Jeti-Oguz-Wand.

Nach unten hat man allerdings schöne Ausblicke auf den Fluss, der sich mäandernd seinen Weg durchs Tal sucht. Niemand sagt ihm, wo er langfließen darf.

Schöner Ausblick ins Karabatkat-Tal, Kühe und Pferde sind nurmehr kleine braune und weiße Flecken im Grün

Versteckte Abzweigung zum Archa-Tor-Pass

Kurz nach einer abgehenden Serpentinen-Bergstraße müssen wir den Weg nach links das Tal hoch verlassen, doch der Anfang ist so versteckt, dass wir ihn beim ersten Mal glatt verpassen:

Ca. 160m nach der abgehenden Straße wachsen rechts und links des Weges einige Wacholderbüsche. Rechts ist ein kleiner auffallender Felsen, das Tal kann man von hier aus gut übersehen. Voraus ist eine Geröllfläche, durch die ein Bach in den Karabatkak mündet – dieses Tal führt zum Pass.

An dem kleinen Felsen wenden wir uns nach links hangaufwärts und folgen dem Rand des Wacholderfeldes, bis wir auf einen Reitweg stoßen. Dieser Reitweg führt an dem Rand des geschlossenen Wacholderfeldes und oberhalb des Fichtenbestandes entlang bis auf eine Hügelkuppe, und weiter in das Tal zum Archa-Tor-Pass.

Eigentlich hätte man während des Aufstieges tolle Ausblicke in das Tal und auf den Doppelgipfel des Oguz-Baschi (Bullenkopf), doch bei uns verschlechtern sich Sicht und Wetter zunehmend. Reiter, beziehungsweise Murmeltierjäger, kommen uns entgegen und sehen uns mit einer Mischung aus Neugier und Mitleid an. Es gibt hier viele Murmeltiere, manchmal hört man sie pfeifen.

Wenig Aussicht beim Aufstieg…

Auf dem Weg Richtung Pass begegnen wir einem englischen Paar, das erfolglos versucht hat, den Pass zu queren: Es ist sehr steil, rutschig und die Sicht gleich Null. Ein gefahrloses Überqueren war für sie daher nicht möglich.

Damit steht für uns fest, dass wir heute vor dem Pass unser Zelt aufschlagen werden und morgen auf besseres Wetter hoffen. Denn ohne Sicht und mit schwerem Gepäck über Felsen zu klettern, kommt für uns nicht in Frage

Durch die Wolken fehlt zwar die Aussicht, aber dafür ist die Stimmung super!

Lagerplatz unterhalb des Passes

Hier oben im Seitental unterhalb des Archa-Tor-Passes verlieren sich die Reitpfade. Letztendlich muss man sich selbst den Weg durch den Nebel den Berg hinauf suchen, und so orientieren wir uns am Fluss und laufen neben seinem Bett nach oben.

Wir suchen uns einen ebenen Platz für unser Zelt und begegnen einem österreichischem Paar, das mit dem Abstieg ins Tal beginnt: Wir haben sie vor zwei Tagen mit dem Auto auf der Straße ins Chong-Kyzyl-Suu-Tal überholt. Sie erzählen von ihrem heutigen Versuch den Pass zu queren, aber sie haben den Weg auf der anderen Seite nicht gefunden. Wir sind gespannt, wie es bei uns morgen verlaufen wird…

Nebel strömt das Tal hinauf, von dort unten kommen wir her

Wir schlagen das Zelt auf und schon bald werden wir von einer Rinderherde „geentert“. Eine Gruppe Jungbullen sammeln sich an unserem „pinkel“- Stein: Sie lecken und rupfen ganz fanatisch das Gras und kämpfen mit ihren Hörnern um die besten Stellen. Sie stolpern über unsere Zeltschnüre und beginnen auch das Zelt anzukauen, ziehen Sachen aus der Apsis (z.B. unseren Kulturbeutel mit den Zahnbürsten) und lecken sie exzessiv ab: Danach haben wir überall klebrigen Kuhsabber.

Der Kuh-Terror beginnt

Als Michi am Fluss Wasser holt (und wegen der Kühe gleich filtert und mit Chlor versetzt), warte ich im Zelt. Doch die Rinder werde immer aufdringlicher, ich bekomme Angst um das Zelt und gehe ein Stück weg, in der Hoffnung sie abzulenken.

Über meiner Daunenjacke habe ich einen RegenPoncho, Er flattert heftig im Wind und ein paar Bullen werden neugierig. Ich fühle mich unbehaglich und will zu meinem Freund an den Fluss gehen. Als ich den jungen Stieren den Rücken zugedreht habe fühle ich mich unbehaglich und drehe mich gleich wieder um. Zum Glück: Ein Bulle will gerade auf mich zugaloppieren und als ich ihm wieder zuwende, stoppt er abrupt. Oh shit, bin ich hier ein lebendiges Torrero-Fähnchen?

Michi hilft mir dann die Bullen zu beruhigen und zu vertreiben und ich gehe ins Zelt zum kochen, während er draußen mit den Trekkingstöcken immer wieder die Rinder vom Zelt weg treibt. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, kaum hat er die eine Seite zurückgedrängt, kommt die andere Seite nach.

Unsere lieblichen Zeltnachbarn

Als wir versuchen zu schlafen, ist das nur schwer möglich:

Ständig schnaubt, hustet, pupst, pisst, schleckt und schnuppert etwas nah am Zelt, ständig schieben sich neugierige Kuhschnauzen unter die Apsis und versuchen, meinen Rucksack zu klauen oder anzukauen.

Später, als der Mond scheint, schiebt sich ein behörnter Schatten die Zeltwand entlang, und ich muss an die Szene aus Jurassic World II denken, als sich der Schatten des Raptors ins Kinderzimmer schiebt 😀

Irgendwann finden wir trotz allem in den Schlaf. Am nächsten Morgen hat sich die Kuhherde das Tal nach oben verkrümelt.

Unser Zeltplatz auf ca. 3.500 m m direkt unterhalb des Archa-Tor-Passes. Das Bild ist vom nächsten Morgen, am Abend hat man den Pass und die Berge wegen des Nebels nicht gesehen.

Tag 4 – unser erster und höchster Pass

Über den Archa-Tor-Pass (3.930 m) ins Jeti-Oguz-Tal – 19.08.18

Kilometer: ca. 12,5 km
Höhenmeter: ca. 380 hm bergauf, 1260 hm bergab
Zeit: ca. 4 h 45 min

Die heutige Etappe startet mit einem steilen Aufstieg zum Archa-Tor-Pass, dessen Überquerung nur bei gutem Wetter zu empfehlen ist. Der Abstieg vom Pass ist nur auf der linken Seite möglich. Anschließend wandert man durch das Hochtal Asan-Tukum bis hinab ins Jeti-Oguz-Tal. Dort wäre ein Tourabbruch möglich.

Rückblick zum steilen Archa-Tor-Pass (3.930 m); ©Michi

Knapp 400 m steiler Aufstieg

Wir starten in der Hoffnung auf gutes, stabiles Wetter schon sehr früh und tatsächlich scheint uns bald die Sonne auf den Pelz. Anfangs laufen wir querfeldein, durch das Geröll sinkt man immer wieder zurück und es ist sehr anstrengend.

Kurz unterhalb des Passes entdecken wir einen Reitpfad (rechts im Bild erkennbar), und schon verdoppelt sich unsere Geschwindigkeit 😉

Nach 1,5 – 2 h sind wir endlich oben und genießen die Rundumsicht:

Das „Gipfelkreuz“
Kurze Pause am Pass, hinter mir kann man Anfang und Ende eines imposanten Hängegletschers erkennen. Links sieht man das Asan-Tukum-Tal, das am Ende in das Jeti-Oguz-Tal abzufallen scheint – unser Tagesziel. Außerdem kommt denke ich ganz gut rüber, wie steil der Archa-Tor-Pass ist. ©Michi

Wir beginnen unsere Suche nach dem Abstieg. Bei der Ankunfts-Position sieht es so aus, als müsste man die steilen Felsen hier nach unten klettern, doch das ist der falsche Weg:

Der Abstieg vom Pass ist nur auf der linken Seite möglich und sehr steil.

In unserem Reiseführer steht, dass man dem Pass am äußersten Rand nach links folgen soll, bis man einen Pfad erkennen kann – und tatsächlich, wir finden ihn! So müssen wir nur am Anfang über weniger steile Felsen absteigen, und dann können wir dem (immer noch krass steilen) Pfad durch das Geröllfeld nach unten folgen. Im Schneckentempo. Mit den Stöcken im Anschlag… 😉

Vorsicht vor Schneewächten! Diese dürfen auf keinen Fall betreten werden.

Der Beginn des Abstiegs… In echt war es steiler, als das Foto rüberbringen kann. Der Pfad verläuft etwas rechts der Bildmitte fast senkrecht nach unten. ©Michi
Abstiegsroute vom Archa-Tor-Pass
Rückblick zum Pass: Ich habe markiert, wo man am Pass ankommt und wo der Abstiegspfad verläuft. Links ganz klein kann man das Steinbock-Horn erkennen.
Abstiegsroute vom Archa-Tor-Pass
Hier kann man den Abstiegspfad deutlich erkennen. Ein weiterer Orientierungspunkt ist der Fels mit orangener Flechte, rechts unten im Bild

Leichtes Wandern im Asan-Tukum-Tal

Wir folgen dem Pfad bis zur Endmoräne des Gletschers, durch die ebenfalls ein Pfad hindurchführt – er ist sogar mit Steinmännchen markiert.

Beim Abstieg durch das malerische Hochtal Asan-Tukum halten wir uns auf der linken Seite des Flusses, das Wandern ist hier einfach, die Sicht ist schön, das Wetter hält. Was will man mehr? 😉

Im Tal gibt es einige süße Murmeltiere. Sie sind etwas größer und pelziger als ihre europäischen Verwandten. ©Michi
Mittagspause auf einem Stein mit toller Aussicht, von links zieht schon wieder Wetter herauf, also schnell weiter. Im Tal grast eine große Pferde- und Kuhherde.

Schließlich erreichen wir den dichten Wacholderwald und der steile Abstieg beginnt. Der Pfad verläuft deutlich, man kann ihn gar nicht verlieren – weil man hier nirgendwo anders laufen kann.

Der Abstieg durch das Wacholdergestrüpp – Ohne Pfad gibt es hier kein Durchkommen!

Schüchterne Kühe beim steilen Abstieg

Plötzlich hören wir hinter uns Getrampel und eine Kuh an der Spitze einer Herde trabt um die Kurve – als sie uns erblickt, ergreift sie panisch die Flucht. Erstaunt bleiben wir stehen, die sind anders drauf als die aufdringlichen Bullen gestern.

Ein interessantes Spiel beginnt: Die Kuh spitzt um die Kurve. Bei unserem Anblick schreckt sie zurück und versteckt sich hinter den Büschen. Ok, wir gehn ja schon! Wir laufen etwas weiter, bis der Wacholderwald sich lichtet und wir nach links ausweichen können. Wir warten. Die Kuh guckt, traut sich Schritt für Schritt vor. Als wir demonstrativ in die andere Richtung schauen nimmt sie all ihren Mut zusammen und prescht an uns vorbei, den steilen Pfad hinunter, gefolgt von der Herde- ich wusste nicht, dass Kühe so agil sein können!

Einige Kühe haben sich nicht an uns vorbei getraut und so werden wir den restlichen Weg nach unten von halb ängstlichen, halb drängelnden Riesenviechern verfolgt, bis wir endlich eine Stelle zum ausweichen finden … Die kirgisischen Rinder sind schon etwas kompliziert 😉

Der Ausblick ins Jeti-Oguz-Tal, im Hintergrund die vergletscherte Jeti-Oguz-Wand – einfach nur WOW!

Ein Tag ohne Regen – nicht in Kirgistan! 😉

Im Tal angekommen laufen wir nur kurz nach rechts und bauen dann unser Zelt auf, es fängt mal wieder an zu regnen. Trinkwasser holen wir aus dem Asan-Tukum-Fluss. Auf einmal kommt ein Kirgise angeritten, er treibt seine Herde das Tal hinab. Er unterhält sich trotz unterschiedlicher Sprachen kurz mit Michi und will dann unbedingt, dass wir uns auf sein Pferd setzen 🙂 .

Michi sitzt das erste Mal in seinem Leben auf einem Pferd – und der Kirgise schießt ein ziemlich episches Foto von ihm.

Später können wir das vergletscherte Talende noch mit verschiedenen Lichtschauspielen bewundern:

Regenbogen mitten in der Jeti-Oguz-Wand.
Zelten auf 2.650 m, inklusive spektakulärer Lightshow 😉

Angeblich hat man von hier aus auch Sicht auf den Pik Karakol, mit 5.218m den höchsten Gipfel der Terskej-Alatau – allerdings sieht man ihn vom Zeltplatz aus nicht. Vermutlich müsste man noch weiter ins Tal hinein laufen.

Das müsste der Doppelgipfel des Oguz-Baschi sein 😉
Noch eins, weils so schön war 🙂

Tag 5 – Kymyz Verkostung und Flussquerung zu Pferd

Durch das wunderbare Teleti Tal bis kurz vor den Teleti Pass – 20.08.18

Kilometer: ca. 14,5 km
Höhenmeter: ca. 750 hm bergauf, 100 hm bergab
Zeit: ca. 4,5 h

In Etappe Nr. 5 überqueren wir den Jeti-Oguz-Gletscherfluss auf einem Pferdrücken und wandern anschließend das malerische Teleti-Tal hinauf bis unter den Teleti-Pass. Tagsüber werden wir von einigen freundlichen Nomaden regelrecht gemästet…

Das unglaublich schöne Teleti-Tal

„Schau mal raus“ meint Michi, als er sieht dass ich endlich wach bin. Ich strecke meinen Kopf aus dem Zelteingang und wer schaut mich da neugierig an? 🙂

Anscheinend wurden wir Nachts von einer süßen Pferdeherde eingekreist

Jurte Nr. 1 – inklusive Kymyz

Schon nach kurzer Wanderzeit erreichen wir die Jurte des gestrigen Nomaden. Seine Frau spricht etwas englisch und lädt uns nach innen zu Tee und Fladenbrot ein. Außerdem wird uns ein Becher selbstgemachter Kymyz serviert – vergorene Stutenmilch. Ich koste äußerst vorsichtig, und es schmeckt genauso eklig wie es klingt. Ich nippe nochmal, danke lächelnd und gebe den Becher an Michi weiter 😀 .

Endlich können wir uns ein bisschen mit einer Einheimischen unterhalten: sie kommt aus Kyzyl Suu, sie haben über 1.000 Pferde und 5.000 Kühe – wir staunen nicht schlecht! Sie müssen sehr reich sein, auch die Jurte spiegelt das wieder: Der Boden ist aus Beton, die Wände sind fest und mit hochwertigeren Materialien gebaut.

Schließlich bietet uns der Vater an (die Frau übersetzt), mit seinem Pferd den Fluss zu überqueren. Wir sagen natürlich zu, nicht nur deshalb, weil wir uns dadurch einige Kilometer sparen. Der Preis wird verhandelt, das Pferd gesattelt, und wir sitzen hinter dem Sohn auf einer gemütlichen Pferdedecke auf. Ganz schön wackelig, hier oben. Ich bin ganz froh, schonmal geritten zu sein, aber für Michi ist der Nervenkitzel richtig groß.

Das Pferd geht sicher und langsam durch das Wasser, welches fast unsere Schuhe berührt. Schnell sind wir auf der anderen Seite, glücklich und aufgeregt.

Jurte Nr. 2 und Joghurt-Verkostung

Wir laufen nun auf der rechten Seite des Flusses das Tal hinunter. Schon bald kommen wir an der Jurte eines sehr alten Paares vorbei, sie laden uns in ihren Vorgarten zu einer Schüssel Joghurt ein. Wir geben ihnen im Austausch etwas Essen von uns und einige Som.

Ein anderer Nomade fragt uns nach Batterien zum Tauschen, doch leider haben wir keine dabei.

Mit nun sehr vollem Bauch machen wir uns auf den Weiterweg, doch wir bleiben oft stehen um den tollen Blick zurück zu genießen.

Jurte Nr. 3 –  inklusive Festessen

Beim Zufluss des Teleti-Flusses biegen wir rechts in das gleichnamige Tal ein, es geht erst mal steil und anstrengend nach oben. Schon bald erreichen wir wieder eine Jurte, in deren Vorgarten wir eingeladen werden. Wir sind immer noch gut voll und eigentlich ja zum Wandern da, aber wir wollen nicht unhöflich sein. Die Frau führt uns zu einem Tisch, der mit einer Decke abgedeckt ist. Sie zieht sie mit eleganter Geste zurück und das verfehlt nicht seine Wirkung: Hier ist ein wahres Festessen aufgetischt! Aufgeschnittenes Gemüse, Joghurt, frisches Fladenbrot, unbekannte Cremes… Da können wir nicht nein sagen!

Wir essen entspannt und bewundern die schöne Jurte mit Garten, die elegante Teekanne und die raffinierte Art, den Tee zu kochen, die Beutel mit Gemüse und anderem Essen, die in den Bäumen hängen… Eine wahre Oase wurde hier geschaffen. Michi löffelt eine ganze Schüssel Sahne und hält es für Joghurt. 😀

Schweren Herzens müssen wir aufbrechen, wir bedanken uns überschwänglich mit Worten und einigen Som. Langsam geht uns das tauschbare Essen aus… Doch schon bald müssen wir nochmal Pause machen, Michi leider unter der Sahne 😉

Das Teleti-Tal

Zur Entschädigung erreichen wir bald danach das obere Teleti-Tal, was ein wahres Highlight auf unserer bisherigen Wanderung ist!
Zu der schönen Landschaft kommen zahlreiche interessante Kühe und Pferde, man kann sich gar nicht sattsehen.

Weiter oben im Tal müssen wir den Fluss überqueren und entdecken eine Brücke. Davor werden wir allerdings von einem Nomaden mit seiner Tochter „abgefangen“: Es ist seine Brücke und für das Passieren will er einen kleinen Obolus. Zuerst fühlen wir uns etwas übers Ohr gehauen, doch dann denke ich mir: Es ist seine Brücke, er hat sie gebaut und hält sie in Schuss – warum sollte er nichts dafür verlangen? Auch bei uns gibt es kleine private Brücken, für die man etwas Geld zahlt.

Versteckter Abzweig links das Tal hoch

Schließlich führt der Weg wieder links das Tal hinauf, kurz vor einem Zeltcamp von geführten Trekkingtouren:

Wenn man den großen Kar-Talkessel des Teleti-Tals schon gut im Blick hat, weicht links die Felswand zurück und gibt den Blick in ein Seitental frei, aus dem viele kleine Bäche ins Haupttal fließen. Wir queren fünf der Wasserläufe und wenden uns dann in das Seitental. Wir orientieren uns zum südöstlichen Hang hin und suchen nach einem Steinmännchen. Dieses markiert einen Pfad, der durch das Wacholderfeld auf der rechten Hangseite des Seitentals führt.

Später laufen wir eher in Richtung des Hauptbaches des Tales, auf der Grasfläche oberhalb des Bachbettes soll es auf ca. 3.250 m ebene und steinschlaggeschützte Grasflächen geben.

Das Zeltcamp im Teleti-Tal
Rückblick zum Karkessel des Teleti-Tals

Plötzliches Gewitter

Schon mittig im Aufstieg bermerken wir die dunklen Wolken, die über den westlichen Bergrücken hinter uns ziehen. Wir beeilen uns doppelt, wollen heute unbedingt im Trockenen das Zelt aufbauen.

Gerade als das Tal eben wird fängt es an wie aus Eimern zu schütten. Das Gewitter zieht krachend und rauschend vorüber, zum Glück ist das Zentrum mit den Blitzen nicht direkt über uns. Wir suchen gestresst einen einigermaßen ebenen Platz und flüchten ins Zelt.

Ca. 15 Minuten später ist alles vorbei. Zurück bleiben wir patschnass, alles tropft. Das war mal ein plötzlicher Wetterumschwung! Erst jetzt merken wir, dass unser Zeltplatz nicht so eben ist wie gedacht…

Aussicht aus dem Zelt auf ca. 3.300 m

Tag 6 – Regen, Regen, Regen

Über den Teleti-Pass (3.750 m) ins Karakol-Tal – 21.08.18

Kilometer: ca. 8,7 km
Höhenmeter: ca. 500 hm bergauf, 1050 hm bergab
Zeit: ca. 4 h

An Tag 6 steht wieder ein Pass an: Der Teleti-Pass ist ein schöner, spannender und steiniger Pass. Anschließend geht es abwechslungsreich und am Ende steil ins Karakol-Tal hinab (Nationalparkgebiet). Die Etappe ist recht kurz und man könnte sie einfach verlängern – doch da es den ganzen Tag regnet, suchen wir Nachmittags unter einer riesigen Tanne Schutz vor dem Wetter. Im Karakol-Tal besteht die Möglichkeit zum Tourabbruch.

Teleti-Pass auf 3.750 m
Ungemütliches Wetter auf dem kargen Teleti-Pass (3.750 m)

Trübe Aussichten beim Passaufstieg

Heute ist das Wetter schon beim aufstehen nass und kalt – Michis Laune ist trotz Kaffee auf dem Tiefpunkt. Er hasst Regen beim zelten, und bisher sind wir jeden Tag nass geworden. Derweil haben wir uns doch extra ein warmes, trockenes Reiseland ausgesucht… 😉

Schnell in der Regenpause zusammenpacken – aus dieser Perspektive sieht das Zelt gar nicht soo schief aus 😉

Um zum Teleti-Pass zu gelangen, müssen wir unser Schlafplatz-Tal verlassen und noch ca. 550 hm bewältigen. Der Weg zum Pass ist von hier unten noch nicht einsehbar, ich fasse vom Reiseführer inspiriert zusammen:

Wir folgen Anfangs dem gestrigen Pfad bis zum Fluss. Hier sehen wir ein Seitental, aus dem von links ein Bach in unseren kleinen Fluss mündet. Wir überqueren unseren Fluss bei einem Steinmännchen und folgen dem sehr steilen Pfad den Hang hinauf.

Ein Stück weit laufen wir parallel zu dem Seitental. Hoch über unserem Schlaftal können wir dann auch den Ursprung unseres Flusses in einem Kar entdecken.

In steilen Serpentinen führt der rutschige Pfad hinauf, auf halber Hanghöhe an einer 1m hohen Felspitze vorbei. Wir peilen nun einen kleinen Sattel zwischen zwei Felsen an.

Oben angekommen wird es weniger steil, der Weg führt am kleinen Bach entlang. Durch das Tal lotsen Steinmännchen um den Geröllhang herum. Erst kurz vor dem Pass kommt ebendieser in Sicht. Das letzte Stück gefällt mir richtig gut, trotz oder vielleicht auch gerade wegen des schlechten Wetters:

Aufstieg zum Teleti-Pass
Das letzte Stück bis zum Teleti-Pass

Michis Regensystem zeigt heute deutliche Schwächen: Durch den starken Wind kann er seinen Schirm nicht nutzen, und so werden seine Arme ziemlich nass. Außerdem reisst der Wind ständig die seitlichen Knöpfe seines Ponchos auf. Auch seine Beine sind schon ziemlich nass, da der Poncho ständig hochflattert.

Leichter und zügiger Abstieg ins Teleti- und Karakol-Tal

Der Abstieg des Passes ist unkompliziert und nicht so steil wie der vom Archa-Tor-Pass. Wir halten uns auf der linken Seite des Teleti-Tals (ja, es heißt genauso wie das auf der anderen Pass-Seite). Auch heute fällt das relativ flache Hochtal recht steil in das Haupttal ab, dem Karakol-Tal. Übrigens eignen sich die riesigen Tannen hervorragend als Regenschutz, da er am Stamm nicht bis zum Boden durchdringt: Ein schöner, trockener Platz für ein Päuschen 😉

Als wir den Talgrund erreichen, suchen wir uns in der Nähe des Teleti-Karakol-Flusses (dem wir heute ins Tal gefolgt sind) eine große Tanne, unter der wir den Nachmittag mit viel warmen Tee verbringen. Später entdecken wir zwei Spanier bei einer Feuerstelle, mit denen wir einen lustigen Abend verbringen. Die riesige Tien-Shan-Tanne schützt vor Regen, trockenes Feuerholz liegt bereit – was haben wir ein Glück 🙂

Natürlich sammeln auch wir noch etwas Holz, um es unter der Tanne zu stapeln – so kann es trocknen, bis es von den nächsten gebraucht wird.

Unser Zelt steht etwas höher auf einem einigermaßen geraden Wiesenstück, wodurch wir zumindest etwas Aussicht haben: Abendstimmung auf 2.650 m

Tag 7 – Erste Begegnung mit Trekkingruppen

Durch das Karakol- und Kurgak-Tal bis zum berühmten Bergsee Ala-Kol (3.530 m) – 22.08.18

Kilometer: ca. 8,5 km
Höhenmeter: ca. 1020 hm bergauf, 120 hm bergab
Zeit: ca. 5 h

Bei der siebten Etappe zelten wir am wunderschöne „See der Tausend Farben“ Ala-Kol (oder Alaköl / Ala-Kul-Lake). Die Strecke ist zwar sehr kurz, aber dafür umso steiler. Ein Stimmungstrüber sind die vielen europäischen Wandergruppen, die von schwer bepackten, schlecht ausgerüsteten, jungen kirgisischen Trägern begleitet werden. Und: Die Sohle meiner treuen Trekkingstiefel löst sich plötzlich ab.

Aufstieg zum Ala-Kol-See. Mein Lieblingsbild und daher auch das Blog-Profilbild 😉 ©Michi

Start im Karakol-Tal

Wir folgen dem Tal links des Karakol-Flusses abwärts. Zwei Zuflüsse müssen wir dabei queren, über den ersten führt noch eine rutschige „Brücke“ aus Baumstämmen, bei der zweiten laufe ich schnell durch und Michi furtet ganz gemütlich barfuß. Brrr, wäre mir viel zu kalt…

Wir merken schnell, dass dieses Tal touristisch sehr gut erschlossen ist. Früher war es sehr beliebt bei russischen Bergsteigern, die hier ihr Basislager für Besteigungen des Pik Karakol hatten. Heute treffen wir auf Jurtencamps und Fahrspuren von Autos.

Schließlich stehen wir vor der Fußgängerbrücke über den Karakol-Fluss, an einem Baum sind viele schöne Wegweiser angebracht – in lateinischer Schrift, die Zielgruppe ist also klar eingegrenzt 😉 .

Rückblick ins Karakol-Tal

Wir verlassen das schöne, majestätische Karakol-Tal und tauchen ein in einen dichten, struppigen Wald. Hier verzweigt sich der Pfad immer wieder, und hin und wieder muss man auch über Bäume und Sträucher krabbeln.

Es wird steil. Sehr steil. Ich werde immer langsamer. Wir sind heute morgen weit vor den Spaniern aufgebrochen, doch hier überholen sie uns und wir sehen sie nicht wieder.

Die seltsame Welt der Träger-Reisegruppen

Als wir das dichte Steilstück hinter uns lassen, wandert man etwas sanfter über grüne Lichtungen. Wir treffen nicht nur auf ein Unwetter, sondern auch auf einige Reisegruppen, die mit recht kleinen 20l Rucksäcken und High-Tec Ausrüstung unterwegs sind. Wir wundern uns, nach UL-Trekkern sehen die nicht aus, aber wo ist ihre Campingausrüstung?

Wir werden von Regenwolken verfolgt… Sie bringen auch dicke Hagelkörner, und wir suchen im Wald unter einer dichten Tanne Schutz vor dem kurzen Unwetter

Die Antwort kommt ca. 15 min später in Form zweier junger Kirgisen: In Schlappen, mit alten Baumwoll-Klamotten und teilweise Plastiktüten als Regenbekleidung kommen sie mit riesigen Ungetümen als Rucksäcken fast im Rennschritt den Pfad hochgetrabt. Kopfschüttelnd schauen wir uns an.

Später erfahren wir, dass die Träger bis zu 20 kg von ihren Kunden übernehmen und insgesamt über 30 kg tragen. Die meisten sind Studenten, es ist ihr Semesterferien-Job. Ich frage mich, wie sehr dieses Gewicht wohl die Gelenke und den Rücken belastet, wenn die jungen Männer direkt von der Uni in Bishkek hier her kommen, um mit 30 kg die Berge nach oben und unten zu jagen – runter rennen die meisten, weil das schneller geht.

Ich hoffe, dass sich die Träger durch ihre jugendliche Power nicht dauerhaft die Kniegelenke schädigen.

Es wird steinig

Schon bald wird es wieder steil, und wir queren einen alten Steinsturz. Der Pfad ist hier sehr gut mit Steinmännchen markiert und es macht Spaß, über die Felsen zu kraxeln. Hin und wieder kommen uns Reisegruppen entgegen, die teilweise ein wenig überfordert wirken. Da es immer wieder regnet, ist alles nass und ein wenig rutschig.

kaputter Schuh auf der Terske-Alatau-Traverse
Genau im steinigen Abschnitt löst sich urplötzlich die Sohle von meinem Trekkingschuh. Ich klebe die Sohle notdürftig wieder an, gut dass ich das Gaffa-Tape (seit einigen Jahren um einen Bleistift gewickelt) auf jeder Tour dabei habe.

Der Rückblick ins Kurgak-Tal ist wirklich ausgesprochen schön, immer wieder müssen wir stehen bleiben (natürlich auch, um wieder zu Atem zu kommen… Erwähnte ich schon, dass es steil war?)

Das schöne Kurgak-Tal

Schließlich erreichen wir das Jurtencamp, in dem die Gruppen übernachten. Die Träger sind schon da und richten das Lager für ihre Schäfchen her. Es ist zwar ganz schön angelegt, aber es liegt einiges an Müll rum und uns sind hier einfach viel zu viele Leute.

Entlang an Wasserfällen: Das letzte Steilstück

Dachten wir, bis hierhin war es steil? Dann wussten wir nicht, was noch vor uns liegt: Der Fluss fällt in drei Stufen ab, und hier wirds richtig knackig. Teilweise ist der Pfad so steil, dass man mit der Hand nur ein bisschen nach vorne fassen müsste, um den Boden zu berühren – Noch dazu besteht der Untergrund aus Schotter. Natürlich wartet niemand, bis der obere aus einem Steilstück weg ist, ungeachtet der Steinschlaggefahr….

Die Träger wollen sich nicht hinter die langsamen Touris einreihen, manche klettern direkt am Wasserfall über die Steine nach oben.

Endlich erreichen wir ein Plateau und können das schöne Kurgak-Tal und unsere Aufstiegsroute überblicken. Einfach fantastisch! Auch der Ala-Kol-See ist einfach traumhaft.

Hier oben auf dem Plateau gibt es einige „Zeltplätze“: auf dem Felsen sind kleine Mäuerchen aus Steinen als Windschutz aufgebaut. Es liegt sehr viel Müll rum, so dass wir uns das am wenigsten vermüllte Plätzchen raussuchen. Wir sammeln ein bisschen was ein, aber es ist zu viel, als dass wir alles mitnehmen könnten. Unser Zelt ist zwar nicht freistehend, aber wir schaffen es, alles stabil mit Steinen abzuspannen – stürmen sollte es jetzt allerdings eher nicht…

Der Ala-Kol-See – einfach traumhaft 🙂

Wir sind heute Nacht bis auf ein sehr nettes israelisches Paar alleine hier. Der Vorteil an den Reisegruppen ist eben, dass sie alle an den großen Camps übernachten 😉 . Es ist einfach ein traumhaftes Plätzchen, und der Sonnenuntergang ist wirklich magisch. (Beide Fotos von Michi)

Unser Zeltplatz auf 3.540 m
Nachts haben wir das erste Mal klaren Himmel… 🙂

Tag 8 – Im Gänsemarsch über den Berg

Über den Ala-Kol-Pass (3.920 m) zu den heißen Quellen in Altyn Araschan – 23.08.18

Kilometer: ca. 12,2 km
Höhenmeter: ca. 400 hm bergauf, 1430 hm bergab
Zeit: ca. 5 h 15 min

Die 4-tägige Trekkingroute über den Ala-Kol-Pass kennt fast jeder Kirgistan-Reisende, und dementsprechend bevölkert ist die Strecke. Schlangen von Reisegruppen mit bunten Rucksackhüllen schieben sich nach oben, auf der anderen Seite stehen Pferde zum Gepäcktransport bereit. Es ist eine andere Welt, diese Etappe, und wir haben einen kleinen Kulturschock… Das Panorama ist natürlich fantastisch. Im Araschan Tal besteht die Möglichkeit zum Tourabbruch (sogar mit Aussicht auf ein Taxi).

Pause auf dem Ala-Kol-Pass (3.920 m); ©Michi

Michi bekommt in der Früh frisch gebrühten israelischen Kaffee von unseren Nachbarn und entsprechend euphorisch ist seine Stimmung 😉

Der Blick morgens aus dem Fenster 🙂
Ein paar Träger machen hier Pause und genießen wie wir das Panorama und die Stille des Sees

Wir lassen uns Zeit mit dem Aufbruch, zu schön ist es hier oben. Erst als die ersten Wanderer auftauchen und unsere Idylle stören, brechen wir auf. Es ist: steil. Wir reihen uns hinter einer ca. 10-köpfigen Kolonne ein, unmöglich hier zu überholen.

Ameisen wuseln den Berg rauf

400 m bis zum Ala-Kol-Pass

Die Aussicht auf den See und später auf einen Gletscher wird unterdessen immer spektakulärer. Kein Wunder, dass alle hier her wollen! Nach ca. 2 Stunden erreichen wir die Passhöhe. Das Panorama sucht wirklich seinesgleichen, ich lasse einfach mal die Bilder sprechen:

Was soll ich sagen, es ist einfach atemberaubend. Das schönste Foto kann man an einem kleinen Felsvorsprung schießen, man muss sich ca. 10 min anstellen, bis man „an der Reihe“ ist.

Trotz des Rummels bleiben wir eine Weile hier oben und genießen die Aussicht. Der für uns beste Abstieg ist etwas rechts vom Aufstieg, es geht steil im Schotter bergab. Man kann super den Berg runter „surfen“, sowas liebe ich. Es gibt noch einen zweiten Abstieg weiter rechts, weniger steil und etwas länger.

Immer diese Touristen…

Unten treffen wir endlich wieder auf Pferde: Vier davon warten auf ihre „touristischen“ Reiter, die vermutlich gerade den Pass erklimmen. Wir folgen dem Bach abwärts und haben einige Begegnungen mit rücksichtslosen Touristen: eine Gruppe z. B. filmt laut johlend und verfolgen eine Herde Pferde mit Fohlen, um ein möglichst nahes Selfie zu schießen. Oder ein großer und kräftiger Reiter: er treibt sein Pferd immer wieder an die Spitze seiner kleinen Gruppe und nimmt steile Abkürzungen. Dabei ist er im Sattel extrem nach hinten gelehnt, all sein Gewicht ruht auf den Hinterläufen – Das Pferd knickt beinahe ein, er weiß offensichtlich nicht wie man bergauf reitet. Sehr schwierig, das mit anzusehen 🙁 .

Unterhalb des Passes stehen schon die Pferde zum Abholen bereit…

Trotz allem ist das Kol-Dike-Tal sehr schön, und wir versuchen uns auf die Landschaft zu konzentrieren. Als der Wacholderbewuchs zunimmt, wechseln wir auf die rechte Talseite, um uns an das letzte Stück des Abstiegs zu machen: Wieder geht es auf steilen Reitpfaden durch den Wald.

Die Aussicht ist heute besonders schön
Es sind mehr Kirgisen unterwegs als sonst, die Touristen bringen eben auch Arbeit und Geld
Ich nehm ja auch manchmal mein Boot mit in die Berge, man weiß ja nie… 😉

Im Araschan-Tal wenden wir uns nach links, vorbei an einer kleinen Jurtenansammlung, und verlaufen uns prompt. Am best ausgetrampeltsten Wegabschnitt überhaupt. Wir kämpfen uns durch ein kleines Sumpfgebiet, bis wir endlich wieder auf die „Straße“ / den breiten Wanderweg finden, wo uns schon bald ein alter runzliger Kirgise einen kleinen Flyer zu seinem Zeltplatz samt heißem Bad in die Hand drückt. Er ist uns gleich sympathisch. Als wir nach einiger Zeit in Altyn Araschan ankommen vergleichen wir zwar noch die Preise, entscheiden uns dann aber doch für das Guest House Elza – es sieht wie eine familiengeführte Unterkunft aus.

Hier gibt es zwar einen sehr kleinen Store, doch richtiges Essen kann man sich nicht kaufen. Dafür gibt es Bier und Kekse! Den Nachmittag verbringen wir mit zwei netten Deutschen aus Köln, die uns Doppelkopf beibringen – das ist zwar nicht so gut wie Schafkopf, aber ein akzeptabler Ersatz 😉 .

Zum Abendessen gönnen wir uns den Luxus und bestellen das Gericht vom Guest House, was zumindest für mich nicht so lukrativ ist: Ich steh einfach nicht so auf Lammfleisch.

Unser Zeltplatz beim Guest House Elza auf 2.520 m

Tag 9 – Noch mehr heiße Quellen

Pausentag in Altyn Araschan – 24.08.18

Da wir nach 8 Trekkingtagen eine Pause verdient haben, bleiben wir einen Tag in Altyn Aranschan. Wir laufen das Aranschan-Tal etwas nach unten, auf der Suche nach weiteren heißen Quellen am Fluss.

Das Guest House Elza, der kleine grüne Kasten links ist der Store

Gestern Abend sind Dan und Talia, unsere gestrigen Zeltnachbarn, auch in Altyn Aranschan angekommen. Die beiden haben ihr israelisches Kaffee-Set dabei. Ich erzähle von meiner Begegnung mit einem Israeli auf dem Pacific Crest Trail in Amerika, der genau das gleiche Kaffee-Set dabei hatte. Dan meint darauf hin, dass alle Israelis immer ihr Kaffeeset mitnehmen, egal wohin sie gehen. Sie machen uns zwei Tassen und wir teilen Schokolade.

Der kleine Ort Altyn Araschan besteht im Prinzip aus ein paar Häuschen und Jurten

Wir beschließen, heute zusammen einen kleinen Ausflug den Fluss hinunter zu unternehmen. Es gibt anscheinend eine israelische Gruppe irgendwo in den sozialen Medien, die lauter Trekking-Tipps für Kirgistan teilt (Dan meint, es gibt für alles eine israelische Trekking-Gruppe, und ich bin ein bisschen neidisch… 😉 ) und Dan weiß daher von einigen „wilden“ heißen Quellen am Aranschan-Fluss. Diese wollen wir heute suchen, und tatsächlich werden wir nach einiger Zeit auch fündig. Die Jungs nehmen sogar ein Bad, uns Mädls ist es zu kalt: Mittlerweile regnet es mal wieder.

Vor einem Zelt hängen die Innereien einer Kuh direkt neben einem verängstigten Kälbchen… Diese Szene rührt uns, und zeigt mal wieder, wie anders das Leben hier ist.

Zurück im Guest House unterhalten wir uns mit anderen Reisenden, lauter nette Leute und jeder hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Z.B. erzählen zwei Tschechen von einem sehr einsamen Trip an der chinesischen Grenze, für den man eine spezielle Genehmigung braucht. Die Route haben sie hauptsächlich mit mapy.cz geplant, einer Karte und App, die es mittlerweile auch auf englisch gibt.

Blick vom Zeltplatz

Tag 10 – Der letzte Pass

Durch das Anyr-Tor-Tal, über den Aschuu-Tor-Pass (3.650 m) ins Ak-Suu-Tal – 25.08.18

Kilometer: ca. 11,7 km
Höhenmeter: ca. 1080 hm bergauf, 800 hm bergab
Zeit: ca. 5,5 h

Die vorletzte Etappe führt uns durch das grüne, sanfte Anyr-Tor-Tal zum roten Aschuu-Tor-Pass. Von dort geht es in steilen Serpentinen in das Ak-Suu-Tal. Hier kann man wie wir die Tour beenden, oder über den Ailanysh-Pass weiter in das Chong-Jergez-Gorge-Tal und sogar bis Jyrgalan wandern.

Abstieg in das Ak-Suu-Tal

Vorfreude auf die neue Etappe

Gestärkt von der gestrigen Pause starten wir unseren Trekkingtag. Durch die vielen ungeplanten Jurteneinladungen haben wir noch Essen übrig und überlegen, unsere Tour noch weiter Richtung Jyrgalan zu verlängern…

Aber zunächst müssen wir auf der östlichen Seite des Arashan-Flusses wieder Flussaufwärts laufen. Beim Zufluss des Anyr-Tor-Flusses biegen wir in das Anyr-Tor-Tal ein. Es geht wie üblich steil bergauf, bis wir auf der weiten Ebene des Hochtals stehen.

Das Arashan-Tal

Hoch ins Anyr-Tor-Tal

Wir erfreuen uns an den Kühen, die so gut in die Landschaft passen, und entdecken auf einem Hügel einen berittenen Hirten, der auf seine Tiere aufpasst.

An einer Kuppe hören wir Hufgetrappel und plötzlich galoppiert eine Pferdeherde über den Hügel. Die Tiere strömen rechts an uns vorbei, wunderschön ihnen beim kraftvollen Galopp zuzusehen.

Ich habe bisher noch nicht von diesen ultra nervigen Insekten erzählt: Sie leben in Scharen in den Bergen, fliegen völlig unkoordiniert durch die Gegend und landen andauernd im Gesicht, auf der Kleidung oder im Essen…

Der Pfad verliert sich fast, was hier auf der Wiese kein Problem ist. Bald gehts wieder steil bergauf Richtung Pass, wir nutzen nun Vieh- und Reitpfade.

Den Aufstieg zum Pass findet ihr so: Auf der linken Talseite sticht ein roter Rücken ins Auge, der ins Tal hinab reicht. Hinter diesem Rücken versteckt sich ein kleines Tal, man kann einen Geländeeinschnitt zwischen einem felsigen Hang und einem Grashang ausmachen. Hier gehts bei einem ausgetrockneten Bachbett hoch.

Der Aufstieg zum Pass auf schwach erkennbaren Viehpfaden
Auf dieser Geländestufe kann man zum ersten Mal den Pass ausmachen – und das ganze schöne grüne Tal überblicken
Der Aschuu-Tor-Pass (3.650 m) sieht völlig anders aus als die bisherigen

Der Aufstieg verläuft auf der rechten Seite des kleinen Flusses, man findet dann einen schwachen Pfad. Dieser führt bis zum Pass, das letzte Stück ist aufgrund des losen Untergrundes recht kräftezehrend.

Wir lassen uns heute viel Zeit und machen einige Fotopausen – die Aussicht ist einfach so schön

Als wir dann auf dem Pass stehen genießen wir ausgiebig die Aussicht auf die umliegenden hohen und wolkenverhangenen Berge. Es ist unser letzter Pass auf der Tour, und wir wollen das Panorama nochmal richtig auskosten.

Steiler Abstieg – wie könnte es anders sein 😉

Der Abstieg verläuft in Serpentinen und wir freuen uns. Denn das muss bedeuten, dass der Pfad endlich mal nicht so steil sein wird. Als wir dann runter laufen merken wir recht schnell, dass wir damit ziemlich falsch liegen: Der Pfad ist sausteil. Er verläuft nur in Serpentinen, weil die Pferde hier senkrecht einfach nicht hoch kommen würden…

Der Abstieg verläuft über den hinteren kleinen Grasrücken rechts der Bildmitte

HInter der kleinen Kuppe hat man dann freie Sicht auf das Ak-Suu-Tal und eine riesige Schafherde. Es sind die ersten Schafe, denen wir hier begegnen, das ist mal was neues.

Das Ak-Suu-Tal mit weichem Sonnenuntergangs-Licht
Na, wer entdeckt den Hirten? 😉
Michi redet beim Wasserholen sehr lange mit diesem Nomaden. Er kann das gut, sich mit Leuten unterhalten, obwohl man keine gemeinsame Sprache spricht.

Wir überqueren den Fluss bei einer kleinen Brücke und laufen das Tal etwas nach oben. Wir haben eine kleine Kuppe entdeckt, die geradezu prädestiniert ist für unseren Zeltplatz. Ein wirklich schönes Plätzchen und würdig für unseren letzten Schlafplatz 🙂 .

Unser letzter Zeltplatz auf 2.750 m

Tag 11 – Abstieg nach Ak-Suu

Durch das Ak-Suu-Tal in den Ort Ak-Suu, Busfahrt nach Karakol – 26.08.18

Kilometer: ca. 24 km
Höhenmeter: ca. 960 hm bergab
Zeit: ca. 5,5 h

Der Abstieg durch das Ak-Suu-Tal ist lang und zäh. Ist das obere Tal noch schön und wild, zieht sich der Schluss auf breiten Feldwegen durch Tannenwald.

Das schöne obere Ak-Suu-Tal

Abschied von den weiten Haupttälern der Terskej-Alatau-Traverse

Wir brechen zeitig auf, da wir heute mit 24 km unsere längste Etappe vor uns haben und außerdem noch mit dem Bus bis Karakol fahren wollen.

Unsere Pläne, eventuell bis nach Jyrgalan zu laufen, haben wir verworfen: Uns lockt eine richtige warme Dusche, außerdem wollen wir lieber in Karakol neue Vorräte kaufen und eine andere Trekkingtour laufen, weiter westlich.

Das schöne Ak-Suu-Tal
So Flauschig!!!! Und süß!

Schon kurz nach unserem Aufbruch laufen wir an der Zeltstelle zweier Trekker vorbei und verquatschen uns total: Eri und Daniela kommen aus der Schweiz, haben ihre Tour in Jyrgalan gestartet und sind einfach unglaublich nett.

Kurzerhand warten wir auf sie und laufen fast bis Ak Suu zusammen, sie versüßen uns wirklich die letzte Etappe. Dann biegen sie allerdings nach rechts ab, es gibt angeblich nochmal eine Badeanstalt hier im Tal, und sie haben Lust auf ein Bad in heißen Quellen.

Gemeinsamer Abstieg nach Ak Suu mit guten Berggesprächen

Ankunft in Ak Suu

Ein paar Kilometer vor Ak Suu fällt meine Sohle fast komplett ab und ich habe kein Panzertape mehr. Da ich nur Flip Flops als Zweitschuhe dabei habe, laufe ich in Michis Barfuß-Schuhen. Nur soviel: Auf den unbefestigten Wegen und mit dem immerhin noch 10 kg schweren Rucksack ist das ganz schön piecksig…

In Ak Suu laufen wir ins Ortszentrum und finden schnell die Bushaltestelle. Hier sitzt schon eine sehr alte Frau, mit der wir uns ein bisschen in Zeichensprache unterhalten. Als die Mashrutka anbraust, stoppt die nette Frau sie für uns. Allerdings fährt sie dann nicht mit, vielleicht wartet sie den ganzen Tag an der Bushaltestelle und unterhält sich mit Wartenden?

Die Fahrt ist rasant und kurzweilig, es fahren ganz unterschiedliche Leute mit. In Karakol suchen wir uns ein schönes Hostel und fallen nach einer wunderbaren Dusche in unsere schönen weichen Betten. Nach einer guten Trekkingtour weiß man so einen Luxus ganz neu zu schätzen 🙂


4. Fazit

Uns hat die Terskej-Alatau-Traverse total gut gefallen. Die Berge sind wunderschön und wild, immer wieder eröffnen sich Blicke auf die imposanten 5- bis 6-Tausender. Im Gegensatz zu unseren Alpenpfaden sind die Wege auch mit schwerem Rucksack gut zu gehen, da eigentlich nie Absturzgefahr besteht.

Ein Unterschied besteht in der Steilheit: Die Pfade sind alle dafür ausgelegt, mit Pferden bestritten zu werden, nicht zu Fuß. Und Pferde haben einen Vierradantrieb, für die ist es am Besten, einen Berg direkt grade hoch zu gehen. Wir haben uns so manches Mal schöne Serpentinen wie bei uns gewünscht…

Negativ war für uns persönlich die Tourlänge und dadurch das Rucksackgewicht: 11 Tage Essen resultierte in einer Schlepperei, die uns keinen Spaß mehr gemacht hat. Besser wären zwei kürzere Touren, die man aneinander stückelt.

Mir ganz persönlich war das Gebiet etwas zu besiedelt. Natürlich waren die Begegnungen mit den Nomaden und das Kennenlernen der fremden Kultur sehr spannend und schön. Michi fand auch gerade diesen Teil der Tour besonders reizvoll. Ich jedoch bevorzuge Gebiete, bei denen man etwas weniger Menschen (und Vieh) sieht. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich und zum Glück verschieden 😉


5. Tipps fürs Reisen und Trekken in Kirgistan

  • Das Wasser aus den Gletscherflüssen sollte am besten nicht als Trinkwasser genutzt werden.
  • Kommt man nicht darum herum, sollte es auf jeden Fall mit einem Wasserfilter (wie z.B. dem Sawyer Squeeze) gefiltert werden.
  • Sind Kuhherden Flussaufwärts in der Nähe, empfiehlt es sich außerdem, das Wasser mit Chlortabletten zu behandeln. (Kuhdung enthält besonders gefährliche Bakterien)
  • Kirgistan ist ein sehr armes Land, und die Nomaden haben oft nur das Nötigste. Gleichzeitig sind sie sehr gastfreundliche Menschen und laden Wanderer gerne in ihre Jurten ein. Es empfiehlt sich daher, Tauschgegenstände (Essen, Batterien, Kleingeld) mit zu nehmen.
  • Den nomadischen Kindern kann man mit Süßigkeiten eine große Freude machen, z.B. kleine Haribo-Päckchen oder Mini-Ritter-Sport-Tafeln.
  • Pässe sollten möglichst früh begangen werden, da dann das Wetter am stabilsten ist.
  • In Kirgistan ist es nicht üblich, zu handeln – und wenn, beträgt die Spanne nur etwa 10%
  • Wer gern einsam wandert, sollte die Etappen über den Ala-Kol-See und Ala-Kol-Pass meiden, da hier sehr viele Reisegruppen mit Trägern unterwegs sind. Landschaftlich war für uns der Ala-Kol-See allerdings schon ein Highlight.
  • Im Jeti-Oguz-Tal haben wir die meisten Nomaden und Jurten angetroffen (für den Fall, dass ihr entweder besonders oder gar nicht an Kontakt mit Einheimischen interessiert seid)

Du planst eine eigene Tour in Kirgistan?

In meinen nächsten Beiträgen werde ich Wissenswertes zum Trekking und Reisen in Kirgistan zusammenfassen. Außerdem stelle ich euch einige alternative Trekkingrouten in Kirgistan vor, unter anderem unsere Trekkingtour vom Tamga-Tal ins Barskoon-Tal.


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